Lenin Revisited by Zhang Yibing
Lenin Revisited by Zhang Yibing
Kapitel 1 (ab Seite 109)
Der junge Lenin in der revolutionären Praxis und die subjektive Dimension der historischen Wirklichkeit
Schon 1888, als Lenin sich erstmals wissenschaftlich und revolutionär betätigte, war er bereits Marxist. Darin unterschied sich Lenin deutlich von Marx und Engels. Mit anderen Worten: Obwohl es also eine Zeitspanne gibt, in der man vom ‚jungen Lenin’ sprechen kann, so waren seine Ideen doch schon damals Teil der marxistisch‑philosophischen Gedankenwelt. Obwohl Lenin von Anfang an Marxist war, so durchlief sein Verständnis der marxistischen Philosophie – und besonders sein Verständnis der materialistischen Dialektik – doch unvermeidlicherweise einen langen Entwicklungsprozess, in dem er kontinuierlich dazulernte und sein Verständnis vertiefte. Meiner Meinung nach machte sein philosophisches Verständnis in der Dekade zwischen 1894 und 1905 mehrere große philosophische Veränderungen durch, die ihren Ausdruck in den veränderten Dimensionen fanden, mit denen er sozialhistorische Entwicklungen untersuchte. Diese Veränderungen in seiner Sichtweise führten dazu, dass sich die Logik seiner philosophischen Konzepte dementsprechend veränderte. Außerdem gingen diese Umwälzungen in den philosophischen Konzepten des jungen Lenin in vielerlei Hinsicht mit der philosophischen Entwicklung seines Lehrers Plechanow einher, was nicht ignoriert werden darf. Verglichen mit der Einschätzung Lenins in der traditionellen marxistischen Geschichte der Philosophie ist dies meiner Meinung nach eine wichtige Entdeckung, die sich dem Erklärungsmuster der früheren Sowjetunion und Osteuropa entledigt hat.
1. Der junge Lenin und die objektive Dimension der historischen Dialektik
Lenin war seit seiner Jugend Marxist. Doch die grundlegenden marxistischen Theorien, die der junge Lenin sich zu eigen machte, waren zumeist ökonomische Prinzipien und politische Theorien, die sich auf die tatsächlichen Kämpfe in Russland bezogen. Mit rein akademisch‑philosophischer Forschung beschäftigte er sich noch nicht, denn der junge Lenin war hauptsächlich an der realen Entwicklung der russischen Gesellschaft interessiert. Als Maslow die typischen Charakteristika der Gedankenwelt des jungen Lenin in den 1880er Jahren schilderte, schrieb er, dass Lenin mehr an den dringenden Problemen Russlands interessiert war als an rein theoretische Fragen. Auch Krupskaja, Adoratsky und der junge Lukacs bestätigten dies. So zeigen frühe Notizen und Kommentare Lenins, dass er sich in dieser Zeit auf Marx’ Das Kapital konzentrierte und auf Schriften über Ökonomie und den wissenschaftlichen Sozialismus. In Schriften wie Über die sogenannte Marktfrage (1983) wird bereits deutlich, dass er sich der marxistischen ökonomischen Sichtweise bediente, um Russlands wirtschaftliche Entwicklung zu analysieren. Ein weiteres Beispiel: Bei der vorbereitenden Recherche für sein Werk Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland widmete sich Lenin erneut dem ernsthaften und eingehenden Studium des Kapitals, konzentrierte sich jedoch auf konkrete Fragen der ökonomischen und sozialen Entwicklung – ohne die Prinzipien des historischen Materialismus oder die wissenschaftliche Methodik von Marx’ ökonomischen Studien weiterzuentwickeln. Meiner Meinung nach spielte dies bei der theoretischen Positionierung des jungen Lenin eine wichtige Rolle. Was Lenins Schwerpunkte und seine Entwicklung zu dieser Zeit angeht, so war sein Verständnis grundsätzlich richtig und oft sehr gründlich; besonders seine Anwendung mancher wissenschaftlicher Methoden und wesentlicher marxistischen Prinzipien auf die soziale Wirklichkeit in Russland bewiesen seltenen Scharfsinn und historische Konkretheit.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der junge Lenin alle marxistischen Theorien immer absolut richtig und gründlich verstand, wie es in den willkürlichen und sehr vereinfachten Betrachtungen vieler Sowjet‑Gelehrter zu lesen ist, die unter dem Einfluss der stalinistischen Ideologie entstanden. Von der Forschungsperspektive aus betrachtet, die ich hier vorschlage – also der einer objektiven Analyse, die auf dem historischen Entwicklungsprozess der philosophischen Gedanken Lenins basiert – wird deutlich, dass der junge Lenin sich das wissenschaftliche Verständnis der philosophischen Theorien Marx’ nicht mit einem Mal aneignete. Es gilt als allgemein bekannt, dass Lenin in Bezug auf philosophische Theorie sowohl von seinem Mentor Plechanow genährt wurde, als auch von den Theoretikern der Zweiten Internationale. Auch Korsch zeigt diese wissenschaftliche Verbindung auf. Besonders aus seinen frühen theoretischen Forschungen wird deutlich, dass er eben nicht vielzählige, tiefschürfende oder systematische Studien der philosophischen Theorie betrieb. Eine Analyse seiner Schriften zeigt sogar, dass die philosophischen Gedanken des jungen Lenin zu dieser Zeit von unbeständiger, ungleichmäßiger Qualität sind. Dies gilt besonders für sein Verständnis des historischen Materialismus und der Dialektik: Für den jungen Lenin gab es ganz offensichtlich mehrere mögliche theoretische Abweichungen. In diesem Abschnitt werden wir besonders die Entwicklung der philosophischen Gedanken des jungen Lenin untersuchen.
Das im Jahr 1894 veröffentlichte erste philosophische Papier des 24‑jährigen jungen Lenin (Was sind die „Volksfreunde“ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?) definierte die materialistische Dialektik von Marx und Engels als „die Ablehnung der Methoden des Idealismus und des Subjektivismus in der Soziologie” . Diese Methode geht von der objektiven Realität aus. Falls dies Lenins theoretischer Ausgangspunkt zum Verständnis der materialistischen Dialektik war, dann hatte er recht. Er vertrat jedoch die Meinung, dass die materialistische Dialektik „die wissenschaftliche Methode in der Soziologie [ist], die darin besteht, die Gesellschaft als einen lebendigen, in ständiger Entwicklung begriffenen Organismus zu begreifen” und die Substanz dieser Dialektik war die “soziale Evolution als ein naturgeschichtlicher Entwicklungsprozess ökonomischer Gesellschaftsformationen”.
Es gibt keinen Zweifel daran, dass diese Auffassung von den umfassenden Ansatzpunkten der historischen Dialektik von Marx und Engels ziemlich weit entfernt war. Obwohl der von Marx und Engels entwickelte historische Materialismus und die historische Dialektik die gleiche Substanz haben, so sind es offensichtlich unterschiedliche Konzepte. Ich muss auch darauf hinweisen, dass der junge Lenin an dieser Stelle ungenau schrieb, die zentrale Idee des historischen Materialismus betrachte die “gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewusstsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewusstsein und deren Absichten bestimmen”. Leider wurde dieses nicht ganz richtige Verständnis in den philosophischen Systemen der stalinistischen Ära als klassischer Ausdruck der grundlegenden Idee des historischen Materialismus präsentiert. Warum also glaubte Lenin dies?
Bei einer vorsichtigen Abwägung der anderen Schriften, die von Lenin in dieser Zeit verfasst wurden, wird deutlich, dass der junge Lenin sein Hauptaugenmerk auf den Kampf gegen den russischen Narodismus richtete. In dieser klar umrissenen theoretischen Situation verlangte ein real stattfindender politischer Kampf nach wichtigen theoretische Antworten. Wir wissen, dass sich die Debatte zwischen den russischen Marxisten und den Narodniki in erster Linie um die Frage der sozialen Entwicklung der russischen Gesellschaft drehte. Zu jener Zeit befand sich Russland in einem frühen Stadium der kapitalistischen Entwicklung: nach Statistiken aus dem Jahr 1881gab es damals gerade mal eine Million industrielle Arbeiter – aber 75 Millionen Bauern. Lenin schrieb später, dass diese ein großes Meer von Kleinproduzenten sei.
Wie beschrieb Lenin den Narodismus? Nach seiner eigenen späteren Definition verfügt der Narodismus über drei Merkmale:
Erstens glaubten die Narodniki, dass der Kapitalismus in Russland schwach und rückschrittlich wäre und sie suchten deshalb – laut Lenin – die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus in Russland zu verhindern. Zweitens glaubten sie, das gesamte russische ökonomische System sei zu einzigartig, besonders im Hinblick aufd die Bauern und ihre Dörfer, die Arbeitsgruppen, und so weiter. Lenin schrieb, dass die Narodniki glaubten, die russische Ackerbaugemeinde sei dem Kapitalismus überlegen. Drittens ignorierten sie die Tatsache, dass alle sozialen Denkrichtungen und rechtlichen und politischen Institutionen mit den materiellen Interessen der verschiedenen Klassen erklärt werden müssen. Mit anderen Worten: Lenin glaubte, dass der Narodismus eine Denkrichtung war, die keine „materialistischen“ Erklärungen für soziale Phänomene zu geben vermochte. Kurzum: Die Volkstümlerei verneinte die Vorherrschaft des Kapitalismus in Russland; sie verneinte die Rolle der Fabrikarbeiter als Soldaten der proletarischen Revolution; sie verneinte die Bedeutung der Revolution und der politischen Freiheiten der bürgerlichen Klasse und verlangte die sofortige Realisierung der sozialistischen Revolution aus den Ackerbaugemeinden heraus. In der komplexen Realität des politischen Kampfes war der Verstand des jungen Lenin relativ klar; bei der Analyse von Fragen war er stets in der Lage, schnell das Wesentliche eines Sachverhaltes zu erfassen.
Zu diesem Zeitpunkt betonte Lenin die objektive Notwendigkeit und universelle Bedeutung der Entwicklung des Kapitalismus in Russland. Er begrüßte den kommenden Kapitalismus, denn er sah ihn als objektive Vorbedingung für die sozialistische Revolution. So stritt er auch den „speziellen“ Weg Russlands ab, den die Narodniki lehrten; er glaubte, dass Russland nicht auf der Stufe der Dorfkommune stagnieren könne, sondern bei seiner Entwicklung hin zum Kommunismus eine kapitalistische Phase durchlaufen müsse. Lenin kam zu dieser Einsicht, nachdem er Marx’ Brief an Sassulitsch las. Auch der junge Lukacs deutete auf diesen Zusammenhang hin (s. sein Buch Lenin. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, 1924). Zwischen November 1877 und Januar 1882 bildete sich Marx eine sehr reife Meinung über die russischen Bauernkommunen. Kurz gesagt: Sollte die russische Revolution erfolgreiche proletarische Revolutionen in Westeuropa entfachen, dann könnte die russische Ackerbaugemeinde zum Ausgangspunkt der Entwicklung des Kommunismus werden, ohne den Kapitalismus zu durchlaufen. Dies hängt nach Marx erstens damit zusammen, dass „die verhängnisvolle Krise, die die kapitalistische Produktion in den europäischen und amerikanischen Ländern durchläuft, in denen sie den größten Aufschwung genommen hatte, eine Krise, die mit der Abschaffung des Kapitalismus und mit der Rückkehr der modernen Gesellschaft zu einer höheren Form des archaischsten Typus ‑ der kollektiven Produktion und Aneignung ‑ enden wird“. Darüber hinaus, so Marx, könne „vom rein ökonomischen Gesichtspunkt aus Russland aus der Sackgasse, in der sich seine Landwirtschaft befindet, nur durch die Entwicklung seiner Dorfgemeinden herauskommen.“ Die Entwicklung der russischen nicht‑kapitalistischen Ackerbaugemeinden könnte so als echte wirtschaftliche Unternehmen legitimiert werden. Zweitens besäßen Russlands Ackerbaugemeinden gewaltige Vitalität, sowohl verglichen mit primitiven Kommunen und als auch beim Aufbau der besonderen sozialen und natürlichen Lebensumwelt Russlands. Obwohl Russlands Ackerbaugemeinden zunehmend verschwänden und in Privathände übergingen, so befinde sich der Kapitalismus doch historisch betrachtet „im Kampfe gegen die Wissenschaft, gegen die Volksmassen und gegen die Produktivkräfte, die er erzeugt“ . Sobald der Kapitalismus diesen Kampf verliere, der seine Existenz beende, würden Russlands Ackerbaugemeinden alle notwendigen materiellen Bedingungen erreichen können, um Kollektivarbeit zu betreiben ‑ ohne den Kapitalismus zu durchlaufen. Bei der Überwindung des Kapitalismus wurde diese Analyse der spezifischen Verhältnisse in der Russischen Gesellschaft mit der welthistorischen Analyse des Kapitalismus verbunden. Mit anderen Worten, bei der Behandlung der Frage über die Zukunft der Russischen Gesellschaft war die von Marx zugrundegelegte theoretische Basis nach wie vor auf das umfassende Verständnis der kapitalistischen Produktionsweisen begründet ; in seiner konkreten Analyse der Russischen Kommune – in ihrem historischen Kontext – verknüpft er die Analyse der besonderen gesellschaftlichen Bedingungen in Russland mit den inneren Widersprüchen des entwickelten kapitalistischen Systems. Daher unterschied sich Marx‘ Ansatz fundamental sowohl von den romantischen Sichtweise der Russischen Volkstümlern als auch von den liberalen Ansichten der Russischen Bourgeoisie. In der russischen Einleitung der zweiten Auflage des Kommunistischen Manifests gibt er eine klassische Darlegung der konkreten Form der Russischen Revolution: „Wird die russische Revolution das Signal einer proletarischen Revolution im Westen, sodass beide einander ergänzen, so kann das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung werden.“
In der Schrift „Über die sogenannte Marktfrage“, die Lenin ein Jahr früher verfasst hat, tritt er eigentlich schon der Volkstümlerei mit der Marxistischen Ökonomie entgegen. Indem er Marx‘ ökonomischen Ansichten folgt, bewies er, dass der Kapitalismus bereits der grundlegende Hintergrund des ökonomischen Lebens in Russland ist , und begründete die objektive Notwendigkeit für die Entwicklung des Kapitalismus in Russland. Hier sieht es danach aus, als ob Lenin sich seinen Standpunkt durch die philosophische Methodologie zu erklären wünscht.
Wir können sehen, dass im Kampf gegen den Narodnismus die theoretischen Absichten des jungen Lenin vor allem aus seiner Untersuchung der objektiven Dimension der sozialgeschichtlichen Entwicklung herrührten. Er glaubte, dass die Methodologie der Narodniki im Grunde subjektivistische Soziologie war. Ich habe herausgefunden, dass diese Ansicht von Nicolas Berdyaev geteilt wird. Berdyaev hat vor langer Zeit geschrieben, dass für die Russischen Narodniki durch die Rekonstruktion der Volkstümlerei den ökonomischen Materialismus in eine neue Form der subjektiven Soziologie umgewandelt haben. Daher war Lenins Nachdruck auf die Objektivität und – nicht vom Willen des Menschen bestimmte – „natürliche Ordnung“ der sozialgeschichtlichen Entwicklung mit seinem endgültigen Ziel verbunden, der Volkstümlerei, der die Entwicklung des Kapitalismus in Russland abstritt, entgegenzutreten. Mit anderen Worten: für den jungen Lenin würde der Kapitalismus in Russland unabhängig vom Widerstand der Volkstümler objektiv ausbreiten. Lenin würde später einen präziseren Überblick über diesen Punkt geben: „Der vollständige Sieg dieser Bauernbewegung wird den Kapitalismus nicht abschaffen; im Gegenteil, sie wird eine größere Grundlage für ihre Entwicklung schaffen und pure kapitalistische Entwicklung beschleunigen und intensivieren. Der vollständige Sieg des Bauernaufstandes kann nur eine Festung für die demokratisch‑bürgerliche Republik schaffen, in welcher sich der proletarische Kampf gegen die Bourgeoisie zum ersten Mal in ihrer reinsten Form entwickeln wird.“
In einem höheren Grad an gesellschaftlicher Einsicht und als Reaktion auf die sublimen, subjektivistischen Behauptungen von Mikhailovski und anderen, dass Geschichte von „Individuen, die alle Gedanken und Gefühle besitzen“ geschaffen wird, betonte Lenin die objektiven „sozialen Tatsachen“, die durch die sogenannten gesellschaftlichen Tätigkeiten dieser Individuen gebildet werden. Das ist ein typischer soziologischer Terminus à la Durkheim. Zu jener Zeit war eine der wichtigsten Hintergründe, die den größten Einfluss auf die Russische akademische Szene übte, die französische und deutsche Soziologie. Den größten Einfluss auf Peter Struve hatte Georg Simmel . Diese besondere Situation veranlasste Lenin oft dazu, die Fragen im Kontext der Soziologie zu diskutieren, manchmal ohne es wirklich zu bemerken. Ironischerweise haben sowjetische Forscher zur Regierungszeit Stalins die für eine bürgerliche „falsche Wissenschaft“ erklärt. Lenin scheint die Tatsache festzustellen, dass die „Gedanken und Gefühle“ dieser Individuen als Handlungen ausgedrückt werden und somit bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse bilden. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse, die nicht unbedingt direkt beobachtet werden, bilden das Wesen der objektiven gesellschaftlichen Tatsache. Diese Perspektive ist im Grunde genommen richtig.
Nach der damaligen Meinung Lenins könnte der historische Materialismus auf zwei Ebenen verstanden werden. Der zentrale Begriff der ersten Ebene bestand aus „sozialökonomischen Formen“. Mit anderen Worten: „Ausgehend von der für alle menschliche Gemeinschaft grundlegenden Tatsache, nämlich der Art und Weise, wie der Lebensunterhalt gewonnen wird, brachte sie diese mit den Wechselbeziehungen der Menschen in Zusammenhang, die sich unter dem Einfluss der jeweiligen Art und Weise der Gewinnung des Lebensunterhaltes herausbilden, und wies in dem System dieser Beziehungen („Produktionsverhältnisse“ nach der Terminologie von Marx) die Grundlage der Gesellschaft nach, auf der die politisch‑juristischen Formen und bestimmte Strömungen des gesellschaftlichen Denkens beruhen.“
Wir können leicht sehen, dass Lenins Untersuchung der Gesellschaft hier von Produktionsweisen, insbesondere von den gesellschaftlichen Verhältnissen zwischen Menschen ausgeht; er ging nicht wie Marx und Engels von der Produktion und Reproduktion von materiellen Existenzmitteln aus. Später wird Mao Zedung demselben Gedankengang folgen. Obwohl der junge Lenin Die Deutsche Ideologie von Marx und Engels noch nicht gelesen hatte, war dieser wichtige Begriff in Marx‘ Das Kapital sowie in vielen von Engels veröffentlichten Schriften detailliert beschrieben. Jedenfalls ist es offenbar ungenau, diese Struktur als bloßes Oberkleid der ökonomischen Basis zu betrachten.
Im Hinblick auf die zweite Ebene weist Lenin auf folgendes hin:
„Die Handlungen der „lebendigen Persönlichkeiten“ wurden im Rahmen jeder sozialökonomischen Formation – Handlungen, die unendlich mannigfaltig sind und keine Systematisierung zu vertragen scheinen – verallgemeinert und auf die Handlungen von Personengruppen zurückgeführt, die sich nach ihrer Rolle im System der Produktionsverhältnisse, nach den Produktionsbedingungen und folglich auch nach ihren jeweiligen Lebensbedingungen sowie nach den durch diese Verhältnisse bestimmten Interessen voneinander unterscheiden. Mit einem Wort, sie wurden auf die Handlungen der Klassen zurückgeführt, deren Kampf die Entwicklung der Gesellschaft bestimmte.“
Lenin glaubte, dass durch diese Unterscheidung „der Subjektivismus“ der Volkstümlerei durch die Perspektive ersetzt wäre, dass gesellschaftliche Prozesse natürlich historische Prozesse sind; ohne diese Perspektive kann es keine Wissenschaft geben.
Meines Erachtens war es für Lenin richtig, unter besonderen gesellschaftsgeschichtlichen Bedingungen die marxistische Theorie mit der revolutionären Praxis zu verknüpfen. Dennoch ist Lenins konkreter Gesamtüberblick über Marx‘ Begriffe nicht präzise.
Nach Marx‘ Auffassung enthüllte die in 1845 begründete allgemeine Theorie des historischen Materialismus, dass die Produktion und Reproduktion des materiellen Lebens die Grundlage aller menschlichen sozialen Existenz ist. Diese Stufe der objektiven Existenz, die von Menschen gebildet wird, wird nicht vom individuellen Willen, Bewusstsein oder Absichten bestimmt; dabei bestimmt das soziale Leben alle Ideen des Menschen. Diese waren die wichtigsten, allgemeinsten und grundlegendsten Prinzipien des historischen Materialismus. Doch das bedeutete nicht, dass Marx der Auffassung war, dass die menschlichen gesellschaftlichen Bewegungen stets „naturgeschichtliche Prozesse“ waren, die keineswegs vom menschlichen Willen bestimmt sind. Der gesellschaftshistorische Prozess, „der nicht durch den Willen des Menschen bestimmt ist“, welcher hier von Lenin identifiziert wird, war eine Situation, die eigentlich nur unter bestimmten historischen Bedingungen erschien. Hinzu kommt, dass Marx‘ spätere Theorie des spezifischen historischen Materialismus ferner zeigt, dass der Mensch nur in der warenmarktwirtschaftlichen Gesellschaftsformation, die sich nach der Entstehung der Industrie manifestiert, nicht in der Lage ist, die gesellschaftliche Geschichte zu beherrschen, die er erschafft. Er beschreibt die abnormale Situation der Versklavung durch die ökonomischen Kräfte als ein abnormales gesellschaftliches Phänomen ähnlich wie die blinden Naturbewegungen. Für weitere Auseinandersetzung über diesen Punkt verweise ich auf meine Untersuchung der Quasi‑Natürlichkeit in Die Subjektive Dimension der Marxistischen Historischen Dialektik . Ich bin davon überzeugt, dass der junge Lenin zu dieser Zeit nicht in der Lage war, die wissenschaftliche Konnotation von Marx‘ wichtigen Gedanken zu verstehen oder zu schätzen, und somit wurde es unvermeidlich, dass bei der Umsetzung der Ansichten des historischen Materialismus diverse kleine Probleme zum Vorschein kamen. Merkwürdigerweise verwandelte die spätere sowjetische traditionelle Forschung über marxistische Philosophie die unpräzise Auffassung des jungen Lenins zu Allgemeinplätzen der philosophischen Grundsätze des historischen Materialismus. Das war eine ungenaue Auffassung, die dem Marxismus angehängt wurde. Ich habe bemerkt, dass diese unpräzisen theoretischen Positionen mit Adoratskis Schlussfolgerung begannen. Da er nicht in der Lage war, zwischen der allgemeinen und spezifischen Ebene des marxschen historischen Materialismus zu unterscheiden, identifizierte er Marx‘ Darlegung über ökonomische Gesellschaftsformationen – wie von Lenin missverstanden – mit allgemeinen Gesetzen des „gesellschaftlichen Prozessen“ . Der Autor des 5. Bandes der Sowjetischen Geschichte der Philosophie unterschied die Probleme auf dieser theoretischen Ebene ebenfalls nicht voneinander, auf Lenins Darlegung bezieht er sich sogar als „Weiterentwicklung des historischen Materialismus“. Es besteht kein Zweifel darüber, dass dies ein erheblicher logischer Fehler war.
Ich habe auch herausgefunden, dass die philosophischen Gedanken des jungen Lenins damals maßgeblich von Denkern der Zweiten Internationale, darunter insbesondere die Auswirkungen dessen, was Kautsky als „Auffassung des sozialen Organismus“ vor dem Hintergrund des Sozialdarwinismus bezeichnete, beeinflusst waren. Daher sehen wir den jungen Lenin oft dabei zu erklären, dass die ökonomischen Gesetze anders als die Gesetze der Physik oder Chemie sind, aber dass „das ökonomische Leben in anderen Disziplinen der Biologie ein analoges Phänomen zur Evolutionsgeschichte darstellt“. Indes, Marx‘ wissenschaftliches Studium des Kapitalismus enthüllt die „besonderen (historischen) Gesetze, welche Entstehung, Existenz, Entwicklung, Tod eines gegebenen gesellschaftlichen Organismus und seinen Ersatz durch einen andren, höheren regeln.“ Bei der Lektüre von Kautskys Über den Historischen Materialismus fällt es nicht schwer, die latenten Verbindungen dieser Ansicht mit Kautskys Interpretation des historischen Materialismus zu sehen. Folglich ist das sicherlich ein untergeordneter Kontext, der aus Anderen Spiegelbildern stammt. In der Tat, die gesellschaftliche Existenz und die Gesetze ihrer historischen Bewegung sind durchaus verschieden von den Gesetzen, die die Existenz und Bewegung von Organismen im Allgemeinen regeln. Daher ist es offenbar unwissenschaftlich, die gesellschaftliche Existenz und ihre Bewegungen einfach mit der Existenz von allgemeinen Lebewesen und ihren Bewegungen zu vergleichen. Ich muss die Tatsache betonen, dass die Einräumung einer gewissen Unreife der philosophischen Theorien des jungen Lenins in bestimmten Gebieten ihn nicht verleumden; vielmehr glaube ich, dass dieses Zugeständnis die Basis ist, auf welcher wir die Entfaltung der Gedanken des jungen Lenins objektiv und umfassend untersuchen können, also eine aufrichtige Herangehensweise, die die philosophische Geschichte wahrheitsgemäß untersucht. Komischerweise wurde Lenins unpräzise Auffassung über den historischen Materialismus später von sowjetischen Forschern einfach als ein neuer Entwicklungsschritt des Marxismus identifiziert.
Es ist an dieser Stelle, dass Lenin – aufgrund seines begrenzten Verständnisses insofern, als nach Marx‘ Dialektik sozioökonomische Formationen „besondere soziale Organismen“ seien, da er ihre Bewegung und Entwicklung als ein „naturgeschichtliches Fortschreiten“ betrachtet – natürlich gegen die Praxis ist, Marxsche Dialektik an die Hegelsche Dialektik anzuknüpfen. Insbesondere wandte er sich gegen „Triaden“, indem er die Negation der Negation im Rahmen der Dialektik erörterte.
In Was sind die „Volksfreunde“, in seiner Widerlegung von Mikhailovskis Behauptung, Marx hätte seine Gesellschaftstheorie auf Hegelschen Triaden begründet, kategorisiert der junge Lenin Engels affirmativen Worte über das Gesetz der Negation der Negation in Anti‑Dühring als „nichts anderes als ein Überbleibsel des Hegelianertums, aus dem der wissenschaftliche Sozialismus entstanden ist“ oder „Überbleibsel seiner Ausdrucksweise“. Dies ist ein besonderer theoretischer Kontext, der zum Zwecke einer Widerlegungsdebatte konstruiert ist. Indes, Triaden und Trichotomien werden als „sinnlos“ und „der Deckel und der Haut, für die nur Philister Interesse aufbringen können“ beschrieben. An dieser Stelle scheint Lenin, um Mikhailovski zu widerlegen, „Affirmation ‑ Negation ‑ Negation der Negation“ als Hegelsche Gleichung zu betrachten, indem er sie von Marx‘ Dialektik abkoppelt und somit Mikhailovskis ungenaue Praxis zu kritisieren, Hegels Triaden mit Marx‘ Dialektik zu verwechseln. Ich habe entdeckt, dass Lenin nirgendwo Triaden bejaht, ganz zu schweigen davon, dass er die wichtigen historischen Verbindungen zwischen Hegelscher Philosophie und Marx‘ Gedanken erklärt. Allerdings sollten wir den jungen nicht zu sehr beschuldigen, da er damals Die Ökonomisch‑philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844, Die Deutsche Ideologie oder Die Grundrisse, die ihm nicht einmal vorlagen, einfach nicht kannte. Daher konnte er kein tiefgreifendes Verständnis über den wahren Inhalt und Komplex und den Wandlungsprozess der Gedankenentwicklung von Marx gehabt haben. Aufgrund dessen konnte Lenins Verständnis über den Marxschen philosophisch‑historischen Kontext lediglich eine theoretische Vorstellung sein, die vom wahren logischen Fortschreiten der philosophischen Geschichte abgekoppelt war. Angesichts dieser Situation ist es nicht überraschend, dass er die innere Verbindung zwischen Marx‘ philosophischen Gedanken und jenen von Hegel nicht begriffen hat. Aus diesem Grunde beinhalteten die Gedanken des jungen Lenins in dieser Periode notwendigerweise mehrere fehlerhafte Elemente.
Erstens, da der junge Lenin zu dieser Zeit kein tiefgründiges, systematisches Studium über Hegels dialektische Theorie betrieben hatte, konnte er lediglich den idealistischen Kern von Hegels „Triaden“ auf allgemeine und grundsätzliche Art und Weise kritisieren. Lenin hat dies nach und nach selbst bemerkt und seine Haltung zügig geändert. In seiner theoretischen Erörterung auf dieser Stufe fokussierte sich Lenin auf die Widerlegung der Hegelschen Philosophie, insbesondere seiner Dialektik.
Zweitens, über den Gegenstand der Marxistischen materiellen Dialektik und insbesondere über das Verhältnis zwischen der Dialektik in Marx‘ Das Kapital und Hegels idealistischer Dialektik hatte der junge Lenin eine Stufe des vollständigen Verständnisses nicht erreicht. Er war lediglich in der Lage, auf der Stufe einer allgemeinen Unterscheidung zwischen denen zu bleiben. Dies machte Lenins Kritikprozess an Mikhailovski schwerer, da Marx und Engels trotz ihrer gründlichen Kritik der Hegelschen spekulativen Triaden zugleich ihre logischen Elemente einräumten, indem sie das Gesetz der Negation der Negation in objektiven Bewegungen schrittweise aufdeckten. Offenbar hatte Lenin diesen Punkt übersehen. Allerdings hatte dies Lenins Auseinandersetzung als ein Marxist letztendlich nicht beeinflusst, da sich in Lenins Verteidigung des Marxismus im Hinblick auf die gesamten Grundsätze des historischen Materialismus und dialektischer Theorie seine Bemühungen als extrem wirkungsvoll erwiesen haben.
Ich habe bemerkt, dass auch Althusser jene theoretische Einstellung, die sich beim 24 Jahre jungen Lenin manifestiert, erkannte. Er bezieht sich auf die 12 Seiten in Lenins Was sind die „Volksfreunde“, die die dialektischen „Triaden“ als Lenins klare Stellungnahme wider Hegel kritisieren . Althusser wusste auch, dass Lenin vor 1894 keines der Werke von Hegel gelesen hatte. Nach der Ansicht von Althusser „verstände Lenin Hegel“ erst nach der Lektüre von Marx‘ Das Kapital oder umgekehrt ausgedrückt, Lenin hätte keines der Werke von Hegel unmittelbar deshalb gelesen, um Marx zu verstehen. Nachdem er Marx wirklich verstanden habe, verstände Lenin auch Hegels Philosophie. Althusser geht sogar so weit zu schreiben, als ob er Lenin wäre: „In den vergangenen 50 Jahren hat niemand Hegel verstanden, da man Hegel nicht verstehen kann, ohne Das Kapital studiert und verstanden zu haben.“ Das ist wahrlich verantwortungslose Forschung!
Althusser war in den 1950ern der Erste, der behauptete, Lenin sei bereits ein „vollkommen reifer dialektischer Materialist“ , als er Was sind die „Volksfreunde“ verfasste. Diese Ansicht wurde in den 1950ern von Kiselyov wiederholt, als er behauptete, dass Lenin „theoretisch vollkommen reif“ gewesen sei, als er Was sind die „Volksfreunde verfasste. In derselben Periode kam eine Arbeit von weißrussischen Forschern über Lenins Philosophische Hefte zu einem ähnlichen Schluss . Ich bin davon überzeugt, dass diese Äußerungen die Wahrheit übertreiben. Wenn man ihre Diskurse analysiert, finden wir heraus, dass sie typische Beispiele von ideologischen Stalinistischen Dogmatismus sind, denn wenn wir zu dem Schluss kommen, dass der erste politische Text von Lenin über Philosophie „vollkommen reif“, dann müssten wir ferner daraus schließen, dass all seine späteren Gedanken und Ideen ebenso korrekt und großartig sind. Dies ist eine klare Reflektion der einflussreichen „Theorie des Nichts“ in der Geschichte der Marxistischen Philosophie.
Die Leser sollten hier schon gesehen haben, dass meine Einstellung hier grundsätzlich verschieden von jener der bisherigen Forschung ist. Ich lobe nicht einfach die Korrektheit der philosophischen Ansichten des jungen Lenins in Was sind die „Volksfreunde“, sondern vielmehr analysiere ich exakt die möglichen theoretischen Bedingungen und logischen Strahlen, die aus dem komplexen mentalen Kampf entsprangen, den die philosophischen Gedanken des jungen Lenins damals durchliefen. Das bezeichnet im Hinblick auf den methodologischen Kontext einen fundamentalen Unterschied zu interpretativen Modellen, die jedes einzelne Wort von Lenin als die absolute Wahrheit betrachten.